Warum der Dorsch in der westlichen Ostsee für über 2 Jahre fast komplett in Ufernähe verschwunden war…

Erfahrung an der Küste, also zuverlässige Spotkenntnisse, jahrelange Beobachtung und pers. Aufarbeitung von Fängen, schön nach den jeweiligen Bedingungen am Wasser  – im Kopf, säuberlich abgeheftet – sind eine wirklich feine Sache. Du musst nichts mehr probieren und kommst je nach Wind- und Strömungsverhältnissen …vom Computer aus sehr gezielt zum Fisch.

Genau so ratlos bist du aber, wenn plötzlich alles komplett anders ist und deine Rezepte einfach nicht mehr zuverlässig funktionieren wollen und du nicht weißt warum?

Ich kann mich noch gut daran erinnern als ich im Frühjahr ca. März/April 2016 in unserer FB-Meerforellen- Gruppe ansprach das mit unserer Eckernförder Bucht augenscheinlich irgend etwas nicht in Ordnung sei, als ich dort den dritten Schneidertag hintereinander erlebte.
Bis dahin kannte ich mein Revier über fast 20 Jahre hinweg genau so:

https://passionmeerforelle.wordpress.com/2015/05/04/winterhalbjahr-auf-meerforelle-dorsch-201415/

und nicht anders…

Damals meldete sich dort ein ganzes Rudel anderer Küstenangler zu Wort, die allesamt von ganz tollen Fängen in der westlichen Ostsee zu berichten hatten, aber eigentlich schon wochenlang keinen ordentlichen Fisch mehr dort gepostet hatten? Zudem waren dies fast alles Leute die ich sonst als Angler in Erinnerung hatte, deren Reviere eher jenseits der dänischen Grenzen liegen.

Der Grund meiner damals geäußerten Beobachtungen war ganz einfach: Anders als früher befische ich seit ca. 15 Jahren fast ausschließlich die Eckernförder Bucht und kenne meine Plätze dort sehr gut, die ich dann später zusätzlich auch auf nur noch eine Handvoll reduziert habe.

Ich sagte bis dahin immer: „Wenn ich weiter fahre, fahre ich am Fisch direkt vorbei, wozu?“

Dies ging alle Jahre vorher gut, bis zu dem oben genannten Zeitpunkt. Wenn man dies so viele Jahre lang nach gleichem Muster macht, fallen einem Veränderungen sofort auf. So kenne ich einige Stellen, wo ich vorher eigentlich noch nie erfolglos wieder nach Hause gefahren war, von da ab war es aber wie abgeschnitten? Ihr kennt selbst alle das Gefühl, eine vermeintlich „tote“ See zu beangeln…

Mein Angelkollege Benjamin wird sich damals sicher auch seinen Teil gedacht haben, wenn ich ständig davon überrascht war, dass an bestimmten Stellen einfach nichts ging. Ich entwickelte mich damals diesbezüglich so langsam zum „Hafensänger“. Immer und immer wieder beteuerte ich, dass ich mir darauf absolut keinen Reim machen könne.

Kurzum: Meine Meinung zu diesem Thema wurde damals von einigen nicht geteilt und es entbrannte eine recht hitzige Diskussion dazu ob mein Eindruck nun stimme oder nicht. In der Folge riet mir der großkopferteste Spinner (sorry, ist sonst nicht meine Art, aber dem guten Mann fehlt wirklich eine ganze Lagerhalle voll Selbstreflektion und soziale Kompetenz, wenn der einmal dabei ist von seinen Künsten zu sabbeln – den ich online jemals erleben durfte) …doch nicht ohne / oder einer besseren Strategie an die Küste zu fahren. Und erklärte mir inhaltlich etwa die Hälfte seiner Fliegenfischer-Seminare… Ist aber eigentlich auch unwichtig, er konnte halt wieder mal besser das Wasser „lesen“ als jeder andere…von der Tastatur aus sozusagen 😉

Mir geht es auch heute nicht wirklich darum wer nun damals Recht hatte oder nicht, sondern um Ursachenklärung zu unserem schönen Hobby. Denn es dauerte auch gar nicht lange, und alle die regelmäßig an der Küste angeln, bekamen es in der Folge auch selbst zu spüren.

Warum es mir recht früh aufgefallen ist…

Aufgefallen war es mir damals ganz explizit durch die Abwesenheit des Dorsch an ganz bestimmten Stellen, an denen ich diese zuvor viele Jahre lang „auf Ansage sozusagen“ ohne Probleme regelmäßig fangen konnte. Plötzlich waren diese dort einfach verschwunden…

Jpeg
Vorher gern auch mal als Doublette an Blinker und Springerfliege anwesend… 62 u. 55 cm.. Eckernförder Bucht, Südseite, Außenförde

Irgendwann im Laufe des Jahres bemerkten dies dann auch andere Angler. In den frühen Sommermonaten konnte man bisher an bestimmten Stellen immer mit Dorsch rechnen. Bis Ende Juni etwa, ohne Probleme. Die beiden Fische oben wurden an einem sehr fischigen Abend in 2013 gefangen Dem war jetzt nicht mehr so.

Etwas später im Jahr machten dann Infos dazu online die Runde, dass im Flensburger Hafen ein Chemieunfall einer Düngemittelfabrik stattgefunden haben soll, nur in der Presse fand ich damals nichts dazu. Nur Gerede auf Facebook…aber immerhin. Mir reichte dies aber eigentlich auch schon als Erklärung und mehr als logisch war diese mögliche Ursache für mich auch.

Mittlerweile redet kaum noch jemand darüber, aber nahezu JEDER Angler mit dem ich mich in den vergangenen 2 Jahren an der Küste darüber unterhalten habe, konnte mir meinen Eindruck bestätigen, die Berufsfischer klagten seitdem sowieso darüber das kaum noch Dorsch zu fangen war. Darauf, das in diesem Zeitabschnitt auch weniger Meerforellen in den Förden vom Ufer aus zu fangen waren, möchte ich dabei gar nicht mehr weiter eingehen, diese sind bekanntlich noch einmal deutlich empfindlicher als der Dorsch gegenüber negativen Umwelteinflüssen.

HEUTE…nach nunmehr 2 Jahren finde ich durch Zufall auf dem FB-Profil eines Berufsfischers den unten abgebildeten Zeitungsausschnitt:

warum der Dorsch weg ist

3. Februar 2016 war demnach also der Stichtag… Was hätte ich darum gegeben diesen Artikel vor 2 Jahren schon lesen zu können?, da wären mir einige, fruchtlose Diskussionen und eigene Mutmaßungen erspart geblieben.

Ich frage mich wirklich wie es sein kann, dass diese Sache so gut wie nicht von der deutschen Presse erwähnt wurde und nur 1 Jahr später eine EU-Fangbegrenzung für Dorsch in der Ostsee – mit völlig anderer Argumentation für so viel Wirbel sorgen konnte, aber niemand die Sache mit dem oberen Vorfall in Verbindung bringt?

Muss man nicht verstehen, oder?

Seit Anfang des Jahres 2017 ist die Brut des Dorsch in den Förden im Winter davor wieder durch gekommen. Im Sommer konnte ich bereits einige dieser Jungdorsche, die sich in sehr tiefen Wasser bei 20m mitten in der Eckernförder Bucht befanden – mit dem Kajak verhaften. Unmengen von kleinen Fischen zw. 30-40cm standen dort sehr tief, fast in Schichten übereinander gestapelt. So hatte ich nicht selten 3 gleichzeitig an Blinker und zwei vorgeschalteten Makrelenfliegen. Ich brauchte fast den ganzen Tag um 5 Exemplare dabei zu haben die oberhalb von 45-50 cm verwertbar waren.

DSC_0090_1.JPG

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Ich möchte mit diesem Artikel wirklich nicht den Eindruck vermitteln, dass es mir hier darum ginge nachträglich noch unbedingt recht behalten zu haben – obwohl  mir dies schon auch wichtig ist – aber vielmehr darum aufzuzeigen wie wichtig es ist die Küste aufmerksam zu beobachten um Veränderungen auch selbst schon recht früh feststellen zu können.

Eine intakte Biochemie der Ostsee ist die Grundlage unseres Hobbys, wenn die wichtigsten Faktoren nicht mehr zusammen spielen ist es schlagartig vorbei damit.

In diesem Sommer haben wir ein partiell unglaubliches Fischsterben aufgrund eklatanten Sauerstoffmangels in tieferen Schichten, innerhalb der Förden erleben müssen. Wer diese Bilder noch im Kopf hat weiß wo das Ende der Fahnenstange liegt.

In diesem Sinne TL,

Felix

 

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